Die verwundbare Hauptstadt
Russische Raketen töten mindestens neun Menschen in Kyjiw bei knapper Flugabwehr
Von 27 ballistischen Raketen fing die Ukraine nach eigenen Angaben nur eine ab. Washington stellt zugleich die zugesagte Patriot-Lizenz infrage.

Eine Zahl beschreibt die militärische Schwäche hinter dem jüngsten Angriff auf Kyjiw besonders deutlich: Von 27 ballistischen Raketen konnte die ukrainische Luftabwehr nach eigenen Angaben nur eine abfangen. Mindestens neun Menschen wurden in der Nacht zum Samstag getötet, 33 weitere verletzt.
Bei Drohnen sah die Bilanz deutlich anders aus. Die Luftwaffe meldete, 154 von 185 Angriffsdrohnen und Täuschkörpern seien neutralisiert worden. Der Abstand zwischen beiden Quoten ist kein technisches Detail. Er erklärt, weshalb wenige durchkommende Raketen trotz einer insgesamt weit ausgebauten Luftverteidigung schwere Schäden in Wohnvierteln verursachen können.
Rettungskräfte suchten am Samstagmorgen in beschädigten Gebäuden nach Opfern. Die Angaben blieben zunächst vorläufig. Erst zwei Tage zuvor hatte ein weiterer großangelegter russischer Angriff in der Ukraine mindestens zehn Menschen getötet und mehr als 50 verletzt.
Die ballistische Lücke
Gegen Drohnen setzt die Ukraine ein vielschichtiges System ein: mobile Trupps, elektronische Störmaßnahmen, Flugzeuge und verschiedene Flugabwehrwaffen. Ballistische Raketen sind wegen ihrer Geschwindigkeit und Flugbahn schwieriger zu bekämpfen. Zwischen Erfassung und Einschlag bleibt nur wenig Zeit.
Für diese Aufgabe sind die amerikanischen Patriot-Systeme von zentraler Bedeutung. Ihre leistungsfähigeren Abfangflugkörper gehören zu den wenigen westlichen Waffen, mit denen die Ukraine ballistische Angriffe zuverlässig bekämpfen kann. Doch die Bestände sind knapp, und die Fertigung hochkomplexer Lenkflugkörper lässt sich nicht kurzfristig vervielfachen.
Zugleich ist der Bedarf außerhalb der Ukraine gestiegen. Im Krieg der USA und ihrer Partner gegen Iran werden ebenfalls Abfangflugkörper verbraucht. Damit konkurrieren mehrere Krisengebiete um eine industrielle Produktion, die schon zuvor nicht mit der Nachfrage Schritt hielt.
Für Kyjiw zeigt sich der Engpass nicht in Lieferstatistiken, sondern in zerstörten Wohnungen und neuen Nächten in Schutzräumen. Eine hohe Abfangquote bei Drohnen kann die fehlende Abwehr ballistischer Raketen nicht ausgleichen.
Aus einer Zusage wird eine offene Frage
Beim NATO-Gipfel in Ankara hatte US-Präsident Donald Trump am 8. Juli angekündigt, die Ukraine werde eine Lizenz zur Herstellung von Patriot-Abfangflugkörpern erhalten. Für Kyjiw war dies die Aussicht, sich langfristig von begrenzten amerikanischen und europäischen Lagerbeständen unabhängiger zu machen.
Am Freitag relativierte Trump diese Ankündigung bei einer Kabinettssitzung in Camp David grundlegend. Was zuvor als politische Zusage formuliert worden war, bezeichnete er nun als Gegenstand laufender Gespräche.
„Wir haben dem nicht zugestimmt. Wir reden darüber. Aber es ist schwierig, eine solche Technologie weiterzugeben“, sagte Trump.
Selbst eine bestätigte Lizenz würde den akuten Mangel nicht beheben. Für die Produktion sind Fabriken, Fachkräfte, geschützte Technologie, Zulieferer und umfangreiche Tests notwendig. Eine solche Fertigung wäre ein langfristiges industriepolitisches Projekt. Ob der nächste Angriff abgewehrt werden kann, hängt dagegen von bereits verfügbaren Flugkörpern ab.
Trumps Rückzug schafft deshalb doppelte Unsicherheit. Er betrifft sowohl den geplanten Aufbau ukrainischer Produktionskapazitäten als auch die Verlässlichkeit der amerikanischen Unterstützung in einer Phase zunehmender russischer Angriffe.
Europas Antwort braucht Zeit
Auch europäische Regierungen sehen inzwischen eine eigene strategische Lücke. Am 13. Juli kündigten Dänemark, Frankreich, Deutschland, Italien, die Niederlande, Norwegen, Spanien, Schweden und das Vereinigte Königreich gemeinsam mit der Ukraine eine integrierte Koalition zur Abwehr ballistischer Raketen an.
Die zehn Staaten wollen Forschung, Industrie und ukrainische Fronterfahrung zusammenführen. Das Ziel ist eine gemeinsame europäische Schutzfähigkeit. Die Initiative kann neue Systeme und größere Produktionskapazitäten hervorbringen, doch sie befindet sich am Anfang und kann den heutigen Munitionsmangel nicht beseitigen.
Darin liegt die europäische Bedeutung des Angriffs. Russland führt seine Vollinvasion im fünften Jahr. Die Ukraine stellt inzwischen in großer Zahl eigene Drohnen her und greift damit auch russische Ölanlagen an. Beim Schutz ihrer Städte vor ballistischen Raketen bleibt sie jedoch stark von Entscheidungen und Beständen ihrer Partner abhängig.
Industrieprogramme werden in Jahren geplant, diplomatische Vereinbarungen in Monaten ausgehandelt. Für die Menschen in Kyjiw entscheidet sich die Wirksamkeit dieser Politik innerhalb weniger Minuten zwischen Luftalarm und Einschlag.
Häufig gefragt
- Wie hoch ist die Opferzahl nach dem Angriff auf Kyjiw?
- Am 1. August meldeten die ukrainischen Behörden mindestens neun Tote und 33 Verletzte. Die Angaben waren noch vorläufig.
- Warum sind Patriot-Systeme für die Ukraine so wichtig?
- Ihre leistungsfähigeren Abfangflugkörper sind zentral für die Bekämpfung ballistischer Raketen, gegen die andere Teile der ukrainischen Luftabwehr nur begrenzt helfen.
- Darf die Ukraine Patriot-Flugkörper künftig selbst bauen?
- Trump kündigte am 8. Juli eine Lizenz an, erklärte am 31. Juli jedoch, es gebe noch keine Einigung.
- Was plant die europäische Anti-Raketen-Koalition?
- Zehn Staaten wollen Forschung, Industrie und Einsatzerfahrung bündeln, um eine gemeinsame europäische Abwehrfähigkeit aufzubauen.
Quellen
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