Diplomatie ohne Waffenruhe

Israelische Angriffe in Gaza fordern Tote, der Entwaffnungsplan stockt

Washington verspricht kontrollierte Gegenschritte. Doch Israel und die Hamas beharren auf einer jeweils anderen Reihenfolge von Entwaffnung und Truppenabzug.


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Beschädigte Regale und Medikamentenkartons in einer illustrativen Lagerhalle in Gaza.
Illustrative Darstellung beschädigter medizinischer Vorräte in Gaza; sie zeigt keinen konkret dokumentierten Angriff.Illustration: KI-generiert — Étude

Kaum war der neue Fahrplan für Gaza vorgestellt, zeigte sich seine entscheidende Schwäche: Die Diplomatie verfügt über einen Ablaufplan, aber noch nicht über eine belastbare Einstellung der Gewalt. Israelische Angriffe im Zentrum und Norden des Gazastreifens töteten in der Nacht zum Samstag und am Samstag mehrere Palästinenser; Dutzende wurden nach Angaben örtlicher Gesundheitsbehörden verletzt.

Im Stadtteil Sheikh Radwan von Gaza-Stadt kamen bei einem Angriff mindestens zwei Menschen ums Leben. In Deir al-Balah wurde nahe dem Al-Aqsa-Märtyrer-Krankenhaus ein Lager mit medizinischem Material getroffen. Vorräte wurden beschädigt, während das Gesundheitssystem des Küstengebiets weiterhin unter Mangel, Zerstörung und einer großen Zahl von Verletzten leidet. Eine öffentliche Begründung für diese konkreten Angriffe lag von der israelischen Armee zunächst nicht vor.

Damit steht die von US-Präsident Donald Trump angekündigte Vereinbarung unter Druck, noch bevor ihre praktische Umsetzung begonnen hat. Seine sogenannte Friedensbehörde erklärte, die Hamas habe einem Verfahren zur Entwaffnung der bewaffneten Gruppen in Gaza zugestimmt. Parallel sollen eine technokratische palästinensische Verwaltung die Regierungsgewalt übernehmen und israelische Truppen schrittweise abziehen.

Der Konflikt über das Vorher und Nachher

Auf dem Papier sollen überprüfbare, wechselseitige Schritte das tief sitzende Misstrauen auffangen. Schwere Waffen der Hamas sollen unter palästinensischer Verantwortung unbrauchbar gemacht und sicher eingelagert werden. Tunnel und Produktionsstätten für Waffen wären abzubauen. Eine neue palästinensische Polizei und eine internationale Stabilisierungstruppe sollen Sicherheitsaufgaben übernehmen, während Israel seine Präsenz etappenweise verringert.

Offen bleibt jedoch, welche Seite den ersten unumkehrbaren Schritt vollziehen muss. Der Hamas-Funktionär Ghazi Hamad erklärte, die Organisation werde mit der Entwaffnung nicht beginnen, solange Israel seine Truppen nicht zurückgezogen habe. Israelische Regierungsvertreter machten dagegen deutlich, dass es ohne eine tatsächliche Entwaffnung keinen Rückzug von der gegenwärtigen Gelben Linie geben werde. Ein endgültiger Zeitplan für den Abzug fehlt.

Beide Positionen folgen einer Sicherheitslogik, die den Kompromiss blockiert. Für die Hamas wäre eine vorgezogene Waffenabgabe der Verlust ihres wichtigsten Druckmittels. Israel sieht in einem vorgezogenen Rückzug das Risiko, dass die Hamas oder andere Gruppen ihre militärischen Strukturen erneut aufbauen. Internationale Kontrolleure sollen deshalb die Einhaltung jeder Etappe bestätigen. Ohne Einigkeit über die Reihenfolge bleibt allerdings unklar, welchen Schritt sie überhaupt zuerst prüfen sollen.

Die bestehende Waffenruhe blieb unvollständig

Das im Oktober 2025 in Kraft getretene, von den USA unterstützte Abkommen beendete die großen Kampfhandlungen, ermöglichte die Rückkehr israelischer Geiseln und ließ mehr humanitäre Hilfe nach Gaza gelangen. Vorgesehen waren zugleich der allmähliche israelische Abzug, eine internationale Sicherheitspräsenz, die Entwaffnung der Hamas und der Wiederaufbau unter einer neuen Verwaltung.

Diese zweite Ebene kam nicht voran. Beide Seiten warfen einander Verstöße vor. Die Hamas behielt ihre Waffen; die israelische Armee blieb in Gaza und vergrößerte das von ihr kontrollierte Gebiet. Seit Beginn der Waffenruhe wurden nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Gaza mehr als 1.200 Palästinenser getötet. Bei Angriffen bewaffneter Gruppen starben fünf israelische Soldaten.

Der Krieg begann mit dem von der Hamas angeführten Angriff auf den Süden Israels am 7. Oktober 2023, bei dem etwa 1.200 Menschen getötet und 251 als Geiseln nach Gaza verschleppt wurden. Die anschließende israelische Offensive hat nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Gaza mehr als 73.300 Palästinenser getötet. Die Behörde unterscheidet in ihrer Gesamtzahl nicht zwischen Zivilisten und Kämpfern, gibt aber an, etwa die Hälfte der Toten seien Frauen und Kinder.

Sie können über Rückzug und Entwaffnung reden. Mir ist das alles gleichgültig, solange es weder Lebensmittel noch Medikamente gibt.

So beschreibt Abdel Moneim Aboul-Roos seine Prioritäten. Der 24-jährige Fahrer verlor bei einem israelischen Angriff ein Bein. Seine Aussage verweist auf die zweite Wirklichkeit der Verhandlungen: Für die Bevölkerung zählen nicht nur Kontrollmechanismen und Sicherheitszonen, sondern vor allem Versorgung, Bewegungsfreiheit und das Ende wiederkehrender Angriffe.

Israels Zustimmung bleibt politisch ungeklärt

Eine formelle israelische Billigung des neuen Fahrplans gab es bis Samstag nicht. Ministerpräsident Benjamin Netanyahu äußerte sich öffentlich nicht dazu. Der rechtsextreme Minister für nationale Sicherheit, Itamar Ben-Gvir, lehnte das Vorhaben ab und verlangte eine Fortsetzung der Angriffe. Trump behauptete hingegen, Israel sei mit dem Ergebnis zufrieden; Washington habe sich während der Verhandlungen eng mit der Regierung abgestimmt.

Die vorgesehene neue Verwaltung, das National Committee for the Administration of Gaza, soll weder der Hamas noch der Palästinensischen Autonomiebehörde unterstehen. Erst wenn internationale Beobachter die Erfüllung vereinbarter Bedingungen bestätigen, soll sie in einzelnen Gebieten die Verantwortung übernehmen. Der gesamte Entwaffnungsprozess dürfte selbst bei einem schnellen Beginn viele Monate dauern.

Der Fahrplan ist daher noch kein Friedensschluss, sondern ein institutioneller Vorschlag mit ungeklärter politischer Zustimmung. Die Angriffe vom Wochenende machen sichtbar, was ihm fehlt: eine gemeinsam akzeptierte Ausgangslage. Ohne eine Pause der militärischen Operationen und ohne verbindliche Parallelität von Entwaffnung und Rückzug könnte die Initiative bereits an ihrem ersten Schritt scheitern.

Was sieht der neue Gaza-Fahrplan vor?
Er verbindet die kontrollierte Entwaffnung bewaffneter Gruppen mit einer technokratischen palästinensischen Verwaltung, neuen Sicherheitskräften und einem schrittweisen israelischen Abzug.
Woran stockt die Umsetzung?
Hamas und Israel verlangen jeweils, dass die andere Seite zuerst handelt: Entweder soll der Abzug oder die Entwaffnung am Anfang stehen.
Hat Israel dem Fahrplan zugestimmt?
Bis Samstag gab es keine formelle israelische Zustimmung, obwohl Trump erklärte, Washington habe sich eng mit Israels Regierung abgestimmt.

Mehr dazu: Donald Trump, Gaza Ceasefire, Hamas, Israel, Middle East, Palestinian Territories

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