Kommentar: Transatlantische Beziehungen

Friedens Harvard-Warnung trifft Luxemburg ins Mark

In Cambridge fordert Luc Frieden ein Europa, das weniger von Washington abhängt. Ausgerechnet sein eigenes Land hätte am meisten zu verlieren, wenn die EU nicht handelt.


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Ein leeres Rednerpult auf der Bühne eines holzvertäfelten Universitätsauditoriums.
Ein leeres Rednerpult auf der Bühne eines holzvertäfelten Universitätsauditoriums. — KI-generierte Illustration.KI-generierte Illustration · Étude

Es ist eine bemerkenswerte Pointe der Geografie politischer Reden: Der Regierungschef eines der kleinsten Mitgliedstaaten der Europäischen Union reist nach Cambridge, Massachusetts, um auf amerikanischem Boden zu erklären, dass Europa sich von Amerika emanzipieren müsse. Am 6. Februar 2026 stand Luc Frieden, Premierminister Luxemburgs und Absolvent der Harvard Law School, an seiner alten Hochschule und sprach vor mehr als 750 Zuhörern beim zwölften jährlichen European Conference an der Harvard Kennedy School. Das Forum des Institute of Politics, moderiert vom Harvard-Politologen Daniel Ziblatt, trug den Titel Crisis as Catalyst – Krise als Katalysator. Frieden nahm dieses Motto beim Wort.

Europa, so seine zentrale These, könne sein Verhältnis zu den Vereinigten Staaten nicht länger als selbstverständlich voraussetzen. Der Kontinent müsse mehr Verantwortung für seine eigene wirtschaftliche Stärke, seine Energieversorgung und seine Sicherheit übernehmen. Was nüchtern klingt, kleidete Frieden in das Vokabular des historischen Augenblicks. Man stehe vor einem strukturellen Bruch in der transatlantischen Beziehung. Doch wo andere darin das Ende Europas erblickten, sehe er den Moment, den es zu ergreifen gelte.

Eine Mahnung, die das eigene Land am härtesten trifft

Dass ein amtierender Regierungschef eine prominente US-Bühne wählt, um Europa zu weniger Abhängigkeit von Washington zu raten, ist für sich genommen schon eine Nachricht. Der eigentliche Reiz aber liegt darin, wer hier spricht. Luxemburg ist nicht irgendein Mahner. Es ist eine der offensten Volkswirtschaften der Welt – die Ausfuhren von Waren und Dienstleistungen entsprachen 2024 nach Daten der Weltbank rund 216 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Und es ist Europas größter Fondsstandort sowie nach den Vereinigten Staaten der zweitgrößte Fondsmarkt der Welt: Laut der Fondsvereinigung ALFI verwalteten die in Luxemburg ansässigen Fonds 2025 ein Vermögen von rund 8,3 Billionen Euro.

Damit ist Luxemburg jenen Abhängigkeiten, vor denen Frieden warnt, so unmittelbar ausgesetzt wie kaum ein anderer Staat. Eine zerklüftete europäische Kapitalmarktlandschaft, Importe fossiler Energie, eine exportgetriebene Wirtschaft an der Seite eines unberechenbaren Partners – das sind keine abstrakten Strategiefragen für das Großherzogtum. Sie sind sein Geschäftsmodell. Wenn Europa nicht handelt, verliert Luxemburg überproportional. Friedens Appell aus Cambridge ist deshalb weniger Geopolitik im Lehrbuchstil als handfeste Standortpolitik.

Europäisches Geld für europäischen Erfolg

Konkret wurde der Premierminister beim Kapitalmarkt. Er forderte einen vereinheitlichten europäischen Kapitalmarkt und griff damit die Spar- und Investitionsunion der EU auf – jene Strategie, mit der die Europäische Kommission am 19. März 2025 die Nachfolge der Kapitalmarktunion antrat. Ein solcher Markt müsse endlich Wirklichkeit werden, durch einen anderen Ansatz beim Investieren – indem europäisches Geld den europäischen Erfolg finanziert, sagte Frieden.

Für ein Land, dessen Wohlstand auf der grenzüberschreitenden Verwaltung von Vermögen ruht, ist die Vollendung des Binnenmarkts für Kapital existenziell. Die Fragmentierung der nationalen Kapitalmärkte zwingt europäische Ersparnisse seit Jahren in amerikanische Anlagevehikel – eine Abhängigkeit, die Frieden mit seinem Plädoyer für ein vereintes europäisches Geld direkt adressiert.

Nicht weniger deutlich fiel der Premierminister beim Thema Energie aus. Russlands Überfall auf die Ukraine sei ein Weckruf für die europäische Energie- und Verteidigungspolitik gewesen; Energie nannte er eine Frage der Souveränität. Auch hier schwingt das nationale Interesse mit: Luxemburg verfügt über keine nennenswerten eigenen Energievorkommen und ist auf Importe angewiesen.

Kein Bruch, sondern ein neues Gleichgewicht

Bei aller Schärfe der Diagnose vermied Frieden jeden Anflug von Antiamerikanismus. Es gehe nicht um Abschottung, sondern um eine bewusste Entscheidung:

Es geht nicht darum, unsere Bindungen zu den Vereinigten Staaten zu kappen. Es geht darum, eine bewusste Entscheidung zu treffen, unsere Abhängigkeit zu verringern und ein ausgewogeneres Verhältnis herzustellen.

Diese Balance – Eigenständigkeit ohne Bruch – ist die anspruchsvollste Position überhaupt. Sie verlangt von Europa, gleichzeitig souveräner und verlässlicher Partner zu werden. Ob die EU dazu in der Lage ist, bleibt die offene Frage hinter Friedens Optimismus. Die Spar- und Investitionsunion steht noch am Anfang, die nationalen Egoismen bei Kapitalmarkt und Energie sind zäh.

Zum Abschluss wechselte der Premierminister vom Ökonomen zum Werbenden für ein Lebensgefühl. Den Zweiflern an Europas Zukunft bot er eine Meditation an, ein dreifaches Come and See: Man möge kommen und die Städte sehen, die für Menschen gebaut seien und nicht für Autos; die europäischen Energienetze, die von fossilen auf erneuerbare Quellen umgebaut würden; und die europäischen Gesellschaften, die nicht nur in Märkte investierten, sondern in Sinn.

Es ist eine elegante Schlussfigur – und doch verrät sie die eigentliche Schwäche der europäischen Erzählung. Wer einladen muss, hinzusehen, hat den Streit um die eigene Stärke noch nicht gewonnen. Für Luxemburg, das mehr als die meisten vom Gelingen dieses Projekts abhängt, ist Friedens Harvard-Rede deshalb weniger ein staatsmännisches Manifest als ein wohlbegründeter Appell in eigener Sache. Die Mahnung an Europa ist zugleich eine Mahnung an das eigene Haus.

Wo und wann hielt Luc Frieden seine Rede?
Frieden sprach am 6. Februar 2026 beim zwölften jährlichen European Conference an der Harvard Kennedy School, seiner ehemaligen Hochschule, in Cambridge, Massachusetts. Das Forum des Institute of Politics unter dem Motto 'Crisis as Catalyst' wurde vom Harvard-Politologen Daniel Ziblatt moderiert und zog mehr als 750 Zuhörer an.
Was forderte Frieden konkret?
Er forderte einen vereinheitlichten europäischen Kapitalmarkt im Sinne der EU-Spar- und Investitionsunion, mehr Energiesouveränität nach Russlands Angriff auf die Ukraine und ein ausgewogeneres transatlantisches Verhältnis. Zugleich stellte er klar, es gehe nicht darum, die Bindungen zu den USA zu kappen.
Warum ist die Rede für Luxemburg besonders bedeutsam?
Luxemburg ist eine der offensten Volkswirtschaften der Welt mit Ausfuhren von rund 216 Prozent des BIP (2024) und Europas größter Fondsstandort mit einem verwalteten Vermögen von rund 8,3 Billionen Euro (2025). Damit ist das Land den Abhängigkeiten bei Kapitalmarkt und Energie, vor denen Frieden warnt, besonders stark ausgesetzt.

Mehr dazu: Energy Security, European Union, Capital Markets Union, Luc Frieden, Luxembourg, Transatlantic Relations, Harvard, Strategic Autonomy

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