Vermögensstrukturen

Wie Belgiens reichste Familien Milliarden in Luxemburg bündeln

Eine Recherche von Le Soir und De Tijd beziffert das belgische Vermögen im Großherzogtum auf 91 Milliarden Euro — verteilt auf 416 Gesellschaften.


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Reihen leerer Messing-Firmenschilder neben einer ruhigen Haustür in Luxemburg-Stadt.
Illustration: Viele der mit reichen belgischen Familien verbundenen Luxemburger Gesellschaften sind eingetragene Adressen ohne operatives Geschäft.Illustration: KI-generiert — Étude

Es ist ein Befund aus dem Handelsregister, und er fällt deutlich aus: Belgiens hundert reichste Familien halten rund 91 Milliarden Euro an Vermögen über 416 in Luxemburg eingetragene Gesellschaften. Das geht aus einer gemeinsamen Recherche der belgischen Zeitungen Le Soir und De Tijd hervor, die am 20. Juni veröffentlicht wurde.

Bemerkenswert ist weniger die Summe selbst als ihre Entwicklung. Dieselben Redaktionen kamen 2018 noch auf 48 Milliarden Euro. Innerhalb weniger Jahre hat sich die luxemburgische Präsenz der belgischen Oberschicht damit nahezu verdoppelt — trotz Steuerreformen, verschärfter Transparenzregeln und einer Reihe von Datenlecks, die das Modell eigentlich unattraktiver machen sollten.

Ein Blick ins Handelsregister

Belgier sind im Großherzogtum keine Randerscheinung. Rund 9.800 belgische Staatsangehörige kontrollieren der Recherche zufolge ganz oder teilweise etwa 11.200 luxemburgische Gesellschaften. Damit stellen sie nach den Franzosen und den Luxemburgern selbst die drittgrößte Nationalität im Register. Die Konzentration an der Spitze ist erheblich: Allein auf die fünfzig reichsten Familien entfallen 85,5 Milliarden Euro.

Die Namen sind im belgischen Wirtschaftsleben bekannt. Das Vermögen der Familie Wittouck, der reichsten des Landes, wird seit Langem über die Luxemburger Holding Artal gesteuert; die Gründerfamilien des Brauereikonzerns AB InBev bündeln ihren Anteil ebenfalls in einer luxemburgischen Gesellschaft. Hinzu kommt, so die Recherche, ein breiteres Feld aus Erben, Unternehmern, Ärzten, Anwälten und gutverdienenden Sportlern.

Legal, aber erklärungsbedürftig

Die eigentliche Pointe liegt hinter den Türschildern. Mindestens 307 der belgisch kontrollierten Gesellschaften beschäftigen niemanden und unterhalten kein Büro in Luxemburg — eingetragene Adressen ohne operatives Geschäft. 52 der wohlhabendsten Familien nutzen solche schlanken Strukturen und halten darüber zusammen rund 54 Milliarden Euro.

Das Vorgehen, so betonen die Autoren, ist nicht zwangsläufig illegal.

Diese Einschränkung ist der Kern der Sache. Bei den meisten Gesellschaften handelt es sich um SOPARFIs, finanzielle Beteiligungsgesellschaften, die Dividenden und Veräußerungsgewinne aus qualifizierten Beteiligungen steuerfrei vereinnahmen können. Wer damit die Anteile einer Familie an einem Ort bündelt, bewegt sich im Rahmen des Gesetzes. Die Frage der Recherche lautet nicht, ob Recht gebrochen wird, sondern warum so viel europäisches Vermögen seine Verwaltung weiterhin in einem Land mit weniger als 700.000 Einwohnern für lohnend hält.

Neu ist der Vorgang nicht. Bereits die von Le Monde geführte Recherche OpenLux durchforstete 2021 dieselben öffentlichen Daten und stieß auf Zehntausende Gesellschaften, die wohlhabenden Privatpersonen zuzuordnen waren. Belgiens Finanzverwaltung verfolgt nicht deklarierte Auslandsvermögen seither nachdrücklicher; die Debatte über eine gerechtere Besteuerung von Kapital ist in Brüssel unverändert offen. Die Schlagzahl im Register steigt dennoch.

Die Standortfrage

Luxemburgs Antwort verweist auf das, was große Vermögen schätzen: Rechtssicherheit, eine dichte Infrastruktur aus Kanzleien und Fondsverwaltern, geografische Nähe und eine Arbeitswelt, die in mehreren Sprachen zu Hause ist. Seit der LuxLeaks-Affäre hat das Großherzogtum die Substanzanforderungen verschärft, EU-Vorgaben gegen Steuervermeidung übernommen und den automatischen Informationsaustausch eingeführt. Den Begriff „Steueroase“ weisen luxemburgische Stellen zurück: Eine Holding sei für sich genommen kein Versteck.

Für Luxemburg berührt die Recherche eine empfindliche Stelle. Das Holding- und Fondsgeschäft ist hier keine Nebensache, sondern das Zentrum des Finanzplatzes und Grundlage eines Großteils des Wohlstands. Jede neue Erhebung über ausländisches Geld im Register wird deshalb doppelt gelesen — als Beleg für die anhaltende Anziehungskraft des Standorts und als Erinnerung daran, wie rasch diese Anziehungskraft in den Schlagzeilen eines Nachbarlandes zum Verdacht umgedeutet werden kann.

An der Grundkonstellation ändern die belgischen Zahlen wenig. Sie sind aber eine genaue Momentaufnahme einer leisen grenzüberschreitenden Praxis, die zwei Jahrzehnte Reform nicht aufgelöst haben — und die beide Seiten der Grenze vorerst beizubehalten scheinen.

Ist es illegal, Vermögen über luxemburgische Gesellschaften zu halten?
Nein. Bei den meisten handelt es sich um SOPARFIs, eine legale Holdingform. Die Recherche betont, das Vorgehen sei nicht zwangsläufig illegal, werfe aber Fragen der Transparenz und der Steuergerechtigkeit auf.
Warum gerade Luxemburg?
Nähe, Rechtssicherheit, die Steuerbefreiung qualifizierter Dividenden und Veräußerungsgewinne sowie ein mehrsprachiges Netz aus Kanzleien und Fondsverwaltern.
Worin liegt der Luxemburg-Bezug?
Das Holding- und Fondsgeschäft bildet den Kern des Finanzplatzes. Die Recherche beziffert das aus dem Großherzogtum verwaltete Auslandsvermögen genau und belebt die wiederkehrende Steueroasen-Debatte.

Mehr dazu: Cross Border Finance, Soparfi, Holding Companies, Tax Transparency, Wealth Management, Luxembourg Finance, Belgium

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