Machtkampf bei Labour
Wankt die Downing Street: Starmer prüft seinen Rückzug
Mit dem Einzug seines Rivalen Andy Burnham ins Unterhaus verengt sich der Spielraum eines Premiers, dessen eigene Partei offen über den Wechsel spricht.

An diesem Montag wurde im britischen Unterhaus ein Abgeordneter vereidigt, den viele bereits als künftigen Premierminister handeln. Ob Keir Starmer zu diesem Zeitpunkt noch unangefochten an der Spitze seiner Partei steht, ist in Westminster erstmals eine ernsthafte Frage.
Andy Burnham hatte das sichere Amt des Bürgermeisters von Greater Manchester aufgegeben, um sich einer Nachwahl zu stellen. Am 18. Juni gewann er den Wahlkreis Makerfield mit 54,8 Prozent der Stimmen; der Kandidat der rechtspopulistischen Reform UK, Robert Kenyon, kam auf rund 35 Prozent. Damit verfügt der prominenteste innerparteiliche Kritiker des Premiers nun über das Mandat, das ihm bislang fehlte – und ohne das eine Kandidatur um den Parteivorsitz nicht möglich gewesen wäre.
Eine Partei, die nicht mehr flüstert
Lange blieb der Unmut gedeckelt. Bis Mitte Mai hatten nach Angaben der Plattform LabourList 103 Parteimitglieder den Premier öffentlich aufgefordert, zurückzutreten oder einen Zeitplan für seinen Abgang vorzulegen. Starmer, dessen Zustimmungswerte gegen Ende 2025 angesichts einer hartnäckigen Teuerung, mehrerer Kehrtwenden und diverser Affären eingebrochen waren, blieb stur.
„Ich laufe vor der Herausforderung nicht davon, und ich ändere meinen Kurs nicht, weil sich das politische Wetter gedreht hat“, sagte er im Mai.
Diese Haltung hielt, bis die Verteidigungspolitik sie aufbrach. Am 11. Juni trat Verteidigungsminister John Healey zurück; Starmer sei „außerstande“ und das Finanzministerium „nicht willens“ gewesen, die nötigen Mittel für die Streitkräfte bereitzustellen. Noch am selben Tag gingen der Staatssekretär für die Streitkräfte, Al Carns, und die parlamentarische Mitarbeiterin Pamela Nash. Drei Rücktritte aus einem einzigen Ressort, und das im Streit ums Geld, verwandeln internes Murren in einen offenen Machtkampf.
Ein doppeldeutiges Wochenende
Am Wochenende versuchten Starmers Vertraute, die Geschichte zu bremsen, ohne sie ganz zu dementieren. Wirtschaftsminister Peter Kyle sagte der BBC, der Premier nehme sich „Zeit, über die politischen Realitäten, Herausforderungen und Chancen nachzudenken, in denen er sich befindet“; Berichte über einen baldigen Rücktritt seien „Spekulation“. Andere wurden deutlicher. Der Labour-Peer und langjährige Weggefährte Charlie Falconer erklärte, der Premier besitze „schlicht keine Autorität mehr“, und forderte „einen vereinbarten Übergangsprozess, bei dem Andy und Keir den Zeitpunkt der Übergabe gemeinsam abstimmen“.
Seither verdichtet sich die Erwartung, Starmer könne schon in dieser Woche einen Fahrplan für den eigenen Abgang nennen. Bestätigt hat er das nicht. Sein Lager beteuert, er werde jede formale Kampfabstimmung annehmen – das Feld möglicher Nachfolger reicht über Burnham hinaus bis zu Gesundheitsminister Wes Streeting, Innenministerin Shabana Mahmood und der stellvertretenden Premierministerin Angela Rayner.
Aus Washington kam eine ungebetene Einmischung. US-Präsident Donald Trump schrieb in seinem sozialen Netzwerk, der britische Regierungschef „wird als Premierminister des Vereinigten Königreichs zurücktreten“, und warf ihm vor, in der Migrations- und Energiepolitik „schwer versagt“ zu haben. Die Downing Street äußerte sich nicht.
Warum der Kontinent hinsieht
Für das übrige Europa ist der Vorgang mehr als ein Schauspiel. Ein Wechsel an der Regierungsspitze träfe London und Brüssel in einer Phase, in der beide Seiten ihr Verhältnis nach Jahren des Brexit-Streits mühsam neu ordnen – von Handel und Rüstungsbeschaffung bis zum Zugang im Finanzdienstleistungsgeschäft, der auch für Standorte wie Luxemburg zählt. Burnham, eine Figur des nordenglischen Populismus mit einem Hang zur Konfrontation, ist den europäischen Hauptstädten weniger vertraut als der juristisch nüchterne Starmer.
- Die Nachwahl machte aus einem Außenseiter binnen Tagen einen ernstzunehmenden Herausforderer.
- Die Risse bei Labour verlaufen entlang von Verteidigungsfinanzierung und Wirtschaftskurs, nicht entlang persönlicher Animositäten.
- Jede Übergabe wäre ein Test, ob Labour den Vorsitz wechseln kann, ohne Neuwahlen auszulösen, die Reform UK laut Umfragen begrüßen würde.
Großbritannien hat amtierende Premiers schon früher ohne Neuwahl ausgetauscht, zuletzt im konservativen Chaos des Jahres 2022. Labour steht nun vor derselben Versuchung und demselben Risiko: dass ein Wechsel das Schiff stabilisiert – oder nur eine mit sich selbst zerstrittene Regierung vorführt.
Häufig gefragt
- Ist Keir Starmer bereits zurückgetreten?
- Nein. Am 22. Juni 2026 ist er weiterhin Premierminister; sein Umfeld erklärt, er werde jede Kampfabstimmung annehmen, auch wenn die Spekulationen über einen Zeitplan zunehmen.
- Warum ist Burnhams Wahlsieg so bedeutsam?
- Als Bürgermeister von Greater Manchester konnte Burnham nicht für den Parteivorsitz kandidieren. Mit dem Mandat in Makerfield erhält er die nötige Bühne.
- Drohen damit Neuwahlen?
- Nicht zwangsläufig. Labour könnte den Vorsitz ohne landesweite Wahl wechseln, doch ein solcher Schritt birgt den Druck zu vorgezogenen Wahlen, die Reform UK laut Umfragen begrüßen würde.
Quellen
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