Reform

Länger arbeiten, damit das System trägt

33 Empfehlungen, ein kapitalgedeckter Baustein, Millionen neue Beitragszahler: Die Kommission legt vor, Merz will liefern — und die Gewerkschaften laufen Sturm.


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Eine leere Holzbank im Morgengrauen in Berlin, dahinter unscharf die gläserne Kuppel des Reichstags.
Illustration. Die Alterssicherungskommission schlägt vor, das Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung zu koppeln; gegen Ende des Jahrhunderts läge die Grenze nahe 70 Jahren.Illustration: KI-generiert — Étude

Es ist ein Dokument von 33 Punkten, und es lässt der Koalition wenig Spielraum. Am Dienstag hat die von der Bundesregierung eingesetzte Alterssicherungskommission ihre Empfehlungen vorgelegt — und damit eine Debatte erzwungen, die in Berlin seit Jahren vertagt worden war.

Der Kern: Das gesetzliche Renteneintrittsalter soll künftig nicht mehr bei 67 Jahren festgeschrieben sein, sondern der steigenden Lebenserwartung folgen. Hinzu kommen ein kapitalgedeckter Baustein nach schwedischem Vorbild und eine deutliche Verbreiterung des Kreises der Beitragszahler. Kanzler Friedrich Merz hat sich früh festgelegt.

„Nichtstun ist keine Option. Scheitern ist keine Option“, sagte Merz und kündigte an, die Vorschläge „vollständig“ und rasch umzusetzen.

Das Eintrittsalter folgt der Statistik

Von 2031 an soll die Regelaltersgrenze an die Lebenserwartung gekoppelt werden — nach den Berechnungen der Kommission ein Anstieg von rund sechs Monaten je Jahrzehnt, sofern die Menschen weiter im bisherigen Tempo älter werden. Auf diesem Pfad läge die Grenze um 2051 bei etwa 68 Jahren und näherte sich gegen Ende des Jahrhunderts der Marke von 70. Die Kommissionsvorsitzende Constanze Janda, die das Gremium gemeinsam mit Frank-Jürgen Weise leitet, nannte den Schritt „moderat“: eine Frage von Monaten pro Jahrzehnt, gebunden an die Demografie, nicht an Haushaltszyklen.

Die Zahlen im Hintergrund sind eindeutig. Männer werden in Deutschland im Schnitt 78,5 Jahre alt, Frauen 83,2 — während die geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand wechseln und die beitragszahlende Generation schrumpft.

Ein zweites, kapitalgedecktes Standbein

Neben das Umlageverfahren, das die deutsche Altersvorsorge seit den Nachkriegsjahrzehnten prägt, soll ein kapitalgedecktes Element treten. Arbeitnehmer und Arbeitgeber zahlten je ein zusätzliches Prozent des Lohns — zwei Prozent insgesamt — in einen zentral verwalteten, an den Kapitalmärkten angelegten Fonds ein, eine erklärte Anleihe beim schwedischen Modell. Der heutige Beitragssatz von 18,6 Prozent des Bruttolohns, so die Warnung der Kommission, könne das System allein nicht mehr tragen.

Die übrigen Empfehlungen zielen in dieselbe Richtung:

  • Die „Rente mit 63“ nach 45 Beitragsjahren soll auslaufen — zunächst über eine Anhebung auf 64 Jahre, danach gekoppelt an die Regelaltersgrenze.
  • Das Eintrittsalter für die Altersteilzeit soll von 55 auf 58 Jahre steigen.
  • Selbstständige, neu verbeamtete Beschäftigte, Vorstände und Bundestagsabgeordnete sollen in die gesetzliche Versicherung einzahlen.
  • Ein „Nachhaltigkeitsfaktor“ soll Rentenerhöhungen dämpfen, wenn das Verhältnis von Beitragszahlern zu Rentnern kippt.

Dünne Mehrheit, lauter Protest

Die politische Statik ist heikel. Merz' Koalition verfügt nur über eine knappe parlamentarische Mehrheit, und das Paket trifft auf ein Land, das seinen Rentenkonsens als verdient verteidigt. Arbeitsministerin Bärbel Bas, Co-Vorsitzende der SPD, stellte sich hinter die Umsetzung — ein seltenes Signal der Geschlossenheit. Die Gewerkschaften taten das nicht.

Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi wies große Teile des Berichts zurück: Die Vorschläge der Alterssicherungskommission eigneten sich „in weiten Teilen nicht dazu, einfach umgesetzt zu werden“. Der DGB-Vorsitzende nannte die Abschaffung der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren ungerecht — „das muss beibehalten werden“. Grünen-Fraktionschefin Britta Haßelmann wertete es als „Fehler, das Rentenniveau nicht bei 48 Prozent zu stabilisieren“; die Linke lehnte das Konzept rundweg ab.

Die Frage ist nicht allein eine deutsche. In der gesamten Europäischen Union zwingt die alternde Bevölkerung die Regierungen in dieselbe enge Wahl zwischen höheren Beiträgen, späterem Ruhestand und geringeren Leistungen. Für Luxemburg, wo Zehntausende deutsche Grenzgänger täglich einzahlen und wo Ökonomen seit Langem vor dem Defizit eines der großzügigsten Systeme Europas warnen, ist Berlins Entscheidung ein Vorgeschmack auf eine Auseinandersetzung, die dem Kontinent erst noch bevorsteht.

Was ändert sich grundlegend?
Das heute bei 67 Jahren fixierte Renteneintrittsalter würde ab 2031 automatisch mit der Lebenserwartung steigen statt politisch festgelegt zu werden.
Wie hoch könnte das Alter steigen?
Bei aktuellem Trend auf rund 68 Jahre um 2051 und nahe 70 Jahre in den 2090er-Jahren.
Was kostet der neue Kapitalbaustein?
Zwei zusätzliche Beitragsprozent, je zur Hälfte von Arbeitnehmern und Arbeitgebern getragen, zentral am Kapitalmarkt angelegt.

Mehr dazu: Demographics, Pension Reform, Friedrich Merz, Germany, Retirement Age, Social Policy

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