Meinung Wohnungspolitik

"Perma-Krise": IDEA sieht Luxemburgs Wohnungsmangel als neuen Dauerzustand statt als Notlage

Die Denkfabrik der Handelskammer hält das Wort "Krise" für überholt: Knappes Angebot und hohe Preise seien längst zur stillschweigend akzeptierten Norm geworden.


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Stillstehende Baukräne über halbfertigen Wohnblocks am Rand eines Luxemburger Vororts in der Abenddämmerung.
Stillstehende Baukräne über halbfertigen Wohnblocks am Rand eines Luxemburger Vororts in der Abenddämmerung. — KI-generierte Illustration.KI-generierte Illustration · Étude

Seit Jahren beschreiben Luxemburgs Politiker den Wohnungsmangel des Landes als Krise – als vorübergehende Notlage, die sich mit den richtigen Zielvorgaben und genügend Entschlossenheit überwinden lasse. Die Stiftung IDEA, die von der Handelskammer gegründete Wirtschaftsdenkfabrik, hält das Wort "Krise" inzwischen für unpassend. Das Problem, so ihre These, sei zu etwas Dauerhafterem erstarrt: zu einem Dauerzustand, mit dem das Land zu leben gelernt habe.

In ihrem am 5. März 2026 veröffentlichten Décryptage Nr. 54 mit dem Titel "La perma-crise du logement ou l'inacceptable comme norme" (Die Dauerkrise des Wohnens oder das Unannehmbare als Norm) argumentiert der leitende Ökonom Michel-Edouard Ruben, dass manche Notlagen vom Staat irgendwann eingedämmt würden, während andere so lange bloß verwaltet würden, bis sie zu einem festen Bestandteil des nationalen Lebens würden.

Il existe des crises que l'action publique finit par circonscrire. Et puis il y a celles qui, à force d'être administrées sans être résolues, se transforment en cadre permanent.

Luxemburgs Wohnsituation, so Ruben, gehöre eindeutig in die zweite Kategorie – daher das Oxymoron im Zentrum der Analyse: eine "perma-crise", eine Perma-Krise.

Ein "etablierter Unordnungszustand"

Die Analyse fasst knappes Angebot und hohe Preise als "etablierten Unordnungszustand" (désordre établi) auf, in dem das Leben in Luxemburg zunehmend einem Wettbewerb zwischen den Haushalten um einen begrenzten Bestand an Wohnungen gleiche, wie die Berichterstattung von Chronicle.lu festhält. Der Ton ist bewusst provokativ. Das Papier stellt das Recht auf Wohnen nur, um es scharf einzuschränken:

The right to housing? Of course. But that does not necessarily mean that you must live in Luxembourg.

Der Satz bringt IDEAs zentrale Behauptung auf den Punkt: dass das Land in der Praxis ein Maß an Knappheit hingenommen habe, das es früher als unannehmbar bezeichnet hätte.

Die Lücke zwischen Anspruch und Lieferung

Das Argument dreht sich um eine hartnäckige Rechnung. Das von der Regierung häufig genannte Ziel liegt bei rund 6.000 neuen Wohnungen pro Jahr – jener Zahl, die laut Premierminister nötig ist, um die etwa 12.000 neuen Einwohner, die sich jährlich in Luxemburg niederlassen, angemessen unterzubringen. Doch zwischen 2014 und 2020 wurden im Schnitt nur rund 3.682 Wohnungen pro Jahr fertiggestellt, wie aus von IDEA zitierten STATEC-Daten hervorgeht. Das Ziel zu erreichen würde daher bedeuten, das jährliche Bautempo um fast 65 Prozent zu steigern.

Dieser Sprung erscheint unwahrscheinlich. Auf Basis der in den Jahren 2023 bis 2025 erteilten Baugenehmigungen kommt IDEA zu dem Schluss, dass das Ziel von rund 6.000 fertiggestellten Wohnungen jährlich kurz- bis mittelfristig kaum zu erreichen sei. Die Analyse verweist zudem auf die Baukostenschwelle von etwa 7.000 Euro pro Quadratmeter (ohne Grundstück), die das Wohnungsbauministerium bei bestimmten Käufen von Wohnungen auf Plan (VEFA) heranzieht.

Selbst die Fortschritte des öffentlichen Sektors bleiben, so real sie sind, hinter dem vom nationalen Bedarf gebotenen Maßstab zurück. Laut dem Jahresbericht der Société nationale des habitations à bon marché (SNHBM) – über den L'essentiel am 20. Mai 2026 berichtete – wurde 2025 der Bau von 473 erschwinglichen Wohnungen begonnen, ein Rekord und ein Anstieg um 57 Prozent gegenüber den 301 im Jahr 2024 begonnenen Einheiten. Tatsächlich fertiggestellt wurden im vergangenen Jahr jedoch nur 288 erschwingliche Wohnungen, nach 250 im Jahr 2024. Künftig will die SNHBM 350 bis 400 Einheiten pro Jahr liefern.

Vier strukturelle Korrekturen

IDEA kehrte zu dem Thema bei ihrer zweiten Mittagsdebatte ("Débat de Midi") zurück, die am 19. Mai 2026 in der Handelskammer auf Kirchberg unter dem Motto "Pour en finir avec la crise du logement" (Um mit der Wohnungskrise Schluss zu machen) stattfand und erneut von Ruben geleitet wurde. Ein Rückblick erschien am 21. Mai 2026.

Dort legte die Denkfabrik vier strukturelle Vorschläge vor:

  • Die Baukommission wieder aktivieren (Réactiver la Commission du bâtiment).
  • Die Sozialpartner in die nationale Anstrengung zur Wohnungsproduktion einbinden (Associer les partenaires sociaux à l'effort national de production de logements).
  • Die Immobilienbesteuerung kohärenter gestalten (Rendre la fiscalité immobilière plus cohérente).
  • Das Verhältnis zwischen Vermietern und Mietern anders ausgestalten (Encadrer autrement les relations entre bailleurs et locataires).

In der Summe ist der Beitrag eine pointierte Einmischung in eine laufende nationale Debatte: ob Luxemburgs Wohnungsknappheit eine lösbare Krise bleibt – oder ob sie, wie IDEA nun nahelegt, zu einem strukturellen Zustand geworden ist, den das Land stillschweigend als normal akzeptiert hat.

Was bedeutet der Begriff 'Perma-Krise' bei IDEA?
Ökonom Michel-Edouard Ruben verwendet das Oxymoron 'perma-crise', um auszudrücken, dass Luxemburgs Wohnungsmangel keine vorübergehende Notlage mehr ist, sondern ein dauerhafter Rahmen ('cadre permanent') – ein Problem, das jahrelang verwaltet, aber nie gelöst wurde und so zur Norm geworden ist.
Welche vier Vorschläge macht IDEA?
IDEA fordert, die Baukommission zu reaktivieren, die Sozialpartner in die nationale Wohnungsproduktion einzubinden, die Immobilienbesteuerung kohärenter zu gestalten und das Verhältnis zwischen Vermietern und Mietern anders auszugestalten.
Wie weit liegt Luxemburg vom Bauziel entfernt?
Das Ziel liegt bei rund 6.000 Wohnungen pro Jahr, um etwa 12.000 jährliche Neubürger unterzubringen. Zwischen 2014 und 2020 wurden laut STATEC-Daten jedoch nur im Schnitt rund 3.682 Wohnungen fertiggestellt – das Ziel erfordert ein Plus von fast 65 Prozent, das laut IDEA kurz- bis mittelfristig kaum erreichbar ist.
Was zeigt der SNHBM-Jahresbericht 2025?
Laut Berichterstattung von L'essentiel vom 20. Mai 2026 begann die SNHBM 2025 den Bau von 473 erschwinglichen Wohnungen – ein Rekord und ein Plus von 57 Prozent gegenüber 301 im Jahr 2024. Fertiggestellt wurden jedoch nur 288 Einheiten (nach 250 im Jahr 2024). Künftig sind 350 bis 400 pro Jahr geplant.

Mehr dazu: Housing Crisis, Housing, Logement, Luxembourg Economy, Snhbm, Michel Edouard Ruben, Affordable Housing, Fondation Idea

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