Notenbank

Der Maestro und sein spätes Eingeständnis

Achtzehn Jahre lenkte Alan Greenspan die amerikanische Geldpolitik. Erst die Krise von 2008 zwang den mächtigsten Notenbanker der Welt zu einem Zweifel an sich selbst.


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Die weisse Marmorfassade des Gebaeudes der US-Notenbank in Washington in der Abenddaemmerung, mit leeren Stufen und hohen Saeulen.
Die Notenbank in Washington, die Alan Greenspan von 1987 bis 2006 leitete. Diese Illustration ist KI-generiert und dient der Veranschaulichung.Illustration: KI-generiert — Étude

Alan Greenspan, der die amerikanische Notenbank fast zwei Jahrzehnte führte und wie kein anderer für die Vorstellung stand, ein einzelner Fachmann könne die größte Volkswirtschaft der Welt steuern, ist am Montag im Alter von 100 Jahren gestorben. Als Ursache nannte seine Frau, die NBC-Korrespondentin Andrea Mitchell, Komplikationen der Parkinson-Krankheit.

1987 von Präsident Ronald Reagan ernannt und von drei Nachfolgern bestätigt, stand Greenspan bis 2006 an der Spitze der Federal Reserve — die zweitlängste Amtszeit ihrer Geschichte. Sie reichte vom Ende des Kalten Krieges über den Börsenrausch der New Economy bis an den Vorabend jener Kreditblase, die nach seinem Abgang platzte. Für seine Bewunderer war er schlicht der "Maestro". Für seine Kritiker wurde er mit den Jahren zum Wegbereiter der Exzesse, die das System an den Rand des Zusammenbruchs trieben.

Eine Amtszeit zwischen Crash und Boom

Greenspan war kaum zwei Monate im Amt, als die Wall Street am 19. Oktober 1987 den schwersten Tagesverlust ihrer Geschichte erlitt. Seine Antwort — die Banken mit Liquidität zu fluten und unmissverständlich zu signalisieren, dass die Notenbank hinter den Märkten stehe — sollte seine Ära prägen. Anleger gewöhnten sich an die Gewissheit, die Zentralbank werde ihre Verluste stets abfedern. Die Händler tauften diesen Reflex den "Greenspan-Put".

Es folgte einer der längsten Aufschwünge der amerikanischen Geschichte. Im Dezember 1996 prägte Greenspan den Satz, der seine Amtszeit überdauern sollte, als er fragte, woran man erkenne, "wann ein irrationaler Überschwang die Vermögenswerte unangemessen in die Höhe getrieben hat". Die Kurse gaben kurz nach — und stiegen dann jahrelang weiter.

Die Macht der dunklen Worte

Eine Generation lang wurde jede Äußerung Greenspans wie eine Offenbarung gelesen. Händler durchforsteten seine Anhörungen nach verborgenen Signalen, Beobachter spotteten, schon eine gehobene Augenbraue könne die Anleiherenditen bewegen. Greenspan pflegte das Dunkel selbst und bemerkte einmal, wenn man ihn verstanden habe, müsse er sich missverständlich ausgedrückt haben. Der Kult um den Vorsitzenden spiegelte den Glauben einer ganzen Epoche: dass deregulierte, sich selbst korrigierende Märkte unter der leichten Hand einer klugen Notenbank dauerhafte Stabilität versprächen.

  • 1987 von Ronald Reagan zum Notenbankchef ernannt
  • Im Amt unter Reagan, George H. W. Bush, Bill Clinton und George W. Bush
  • 2006 abgelöst durch seinen Nachfolger Ben Bernanke

Das Eingeständnis

Dieser Glaube zerbrach 2007 und 2008, als der Markt für zweitklassige Hypotheken einbrach und das globale Finanzsystem ins Stocken geriet. Greenspans lange Niedrigzinspolitik und sein Vertrauen in die Selbstregulierung der Branche, so die Kritik, hätten die Blase mitgenährt. Im Oktober 2008 räumte er vor einem Ausschuss des Kongresses einen Fehler im Kern seines Weltbildes ein.

"Diejenigen von uns, die auf das Eigeninteresse der Kreditinstitute zum Schutz des Aktionärsvermögens gesetzt haben, mich eingeschlossen, befinden sich in einem Zustand fassungslosen Unglaubens."

Es war ein bemerkenswertes Geständnis für einen Mann, der zeitlebens darauf beharrt hatte, Märkte überwachten sich selbst besser als jede Aufsicht. Geprägt vom Werk der libertären Schriftstellerin Ayn Rand, hat er diesem Credo nie abgeschworen — doch er gestand zu, dass das Modell, dem er vertraut hatte, nicht so funktioniert habe wie erwartet.

Ein umstrittenes Erbe

Seine letzten Jahre verbrachte Greenspan damit, eine Bilanz zu verteidigen, die in der öffentlichen Erinnerung gekippt war. Seine Memoiren "Mein Leben für die Wirtschaft" erschienen 2007, kurz bevor das Unwetter losbrach. Über sich selbst urteilte er mit der Nüchternheit eines Bankiers: "Ich hatte zu siebzig Prozent recht", pflegte er zu sagen, "und zu dreißig Prozent unrecht." Welche Entscheidung in welche Spalte gehört, ist nie entschieden worden — sein Tod wird die Debatte neu eröffnen.

Unbestritten bleibt die Größe der Rolle, die er spielte. Achtzehn Jahre lang hing die Weltwirtschaft ein Stück weit am Urteil eines vorsichtigen, einst zum Jazzmusiker ausgebildeten Ökonomen in Washington. Die Institution, die er hinterließ, hat seither viele der Regeln umgeschrieben, die er einst verkörperte — ein stilles Maß für seine Reichweite wie für deren Grenzen.

Woran und wann ist Alan Greenspan gestorben?
Er starb am 22. Juni 2026 im Alter von 100 Jahren an Komplikationen der Parkinson-Krankheit, wie seine Frau, die NBC-Korrespondentin Andrea Mitchell, mitteilte.
Warum wird Greenspan für die Finanzkrise 2008 mitverantwortlich gemacht?
Kritiker führen seine lange Niedrigzinspolitik und sein Vertrauen in die Selbstregulierung der Finanzbranche an, die die Immobilien- und Kreditblase mitgenährt hätten.
Was bedeutet der 'Greenspan-Put'?
Die Erwartung der Märkte, die Notenbank werde unter Greenspan stets mit billigerem Geld eingreifen, um Verluste der Anleger zu begrenzen — was zu höherem Risiko verleitete.

Mehr dazu: Monetary Policy, Us Economy, Central Banking, Federal Reserve, Financial Crisis, Obituary, Alan Greenspan

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