Portraet
Jean Asselborn: Vom Fabrikarbeiter zum dienstaeltesten Aussenminister Europas
Fast zwei Jahrzehnte war er das Gesicht Luxemburgs in der Welt - und daheim der beliebteste Politiker des Landes.

Neunzehn Jahre lang sprach Jean Asselborn fuer Luxemburg, wann immer das Grossherzogtum an Europas diplomatischen Tischen Platz nahm. Von 2004 bis 2023 war er unter zwei Premierministern - Jean-Claude Juncker und Xavier Bettel - Chef der Luxemburger Diplomatie, und als er aus dem Amt schied, war er der dienstaelteste Aussenminister der Europaeischen Union. Dabei hatte der Mann, der zu einem der bekanntesten Gesichter der europaeischen Aussenpolitik wurde, sein Arbeitsleben nicht in einer Staatskanzlei begonnen, sondern in einer Fabrik.
Asselborn galt vielen als das Gewissen des EU-Aussenministerrats: direkt, bisweilen wenig diplomatisch und unnachgiebig in Fragen von Asyl, Pressefreiheit und richterlicher Unabhaengigkeit. Diese Klarheit machte ihn zu Hause ueber Jahre zum Spitzenreiter der Beliebtheitsumfragen, mit Zustimmungswerten von rund 80 Prozent.
Von der Fabrikhalle ins Rathaus
Jean Asselborn wurde am 27. April 1949 in Steinfort geboren, einer kleinen Gemeinde im Westen Luxemburgs nahe der belgischen Grenze, als Sohn eines Stahlarbeiters, der selbst kommunalpolitisch aktiv war. Mit 18 Jahren verliess er 1967 die Schule und begann in einem Werk des Reifenherstellers Uniroyal zu arbeiten. Schnell engagierte er sich in der Gewerkschaftsbewegung und wurde zum Vertreter der Jugendsektion des Luxemburger Arbeiterverbands gewaehlt, der Vorgaengerorganisation des heutigen OGBL. 1968 wurde er Beamter bei der Stadtverwaltung Luxemburg, kehrte aber bereits 1969 nach Steinfort zurueck.
Seine Laufbahn war die eines Aufsteigers. Asselborn holte in Abendkursen das Abitur nach, das er 1976 am Athenee de Luxembourg bestand. Anschliessend studierte er Recht an der Universitaet Nancy II und erwarb im Oktober 1981 einen Abschluss im Zivilprozessrecht. Von 1976 bis zu seinem Eintritt in die Regierung 2004 leitete er als Verwaltungschef das interkommunale Krankenhaus von Steinfort.
Ein langer Aufstieg in der Luxemburger Politik
Seit 1972 Mitglied der Sozialistischen Arbeiterpartei (LSAP), wurde Asselborn 1982 Buergermeister von Steinfort und blieb es bis 2004. 1984 zog er erstmals fuer die LSAP im Bezirk Sueden in die Abgeordnetenkammer ein. Von 1989 bis 1997 war er Fraktionsvorsitzender, ab 1999 Vizepraesident der Kammer und von 1997 bis 2004 Parteipraesident der LSAP.
Die entscheidende Wende kam nach der Wahl von 2004: Am 31. Juli 2004 trat Asselborn in die Koalitionsregierung von Jean-Claude Juncker ein, als Vizepremier sowie Minister fuer auswaertige Angelegenheiten und Immigration. Das Aussenressort hatte er ohne Unterbrechung bis zum 17. November 2023 inne, spaeter ergaenzt um Immigration und Asyl; Vizepremier blieb er bis 2013. 2005 praegte er die luxemburgische EU-Ratspraesidentschaft mit, und auf seine Initiative hin erhielt das Land fuer 2013 und 2014 erstmals einen nichtstaendigen Sitz im UN-Sicherheitsrat.
Wofuer er bekannt ist
Bekannt wurde Asselborn als eine der lautesten Stimmen der EU in Fragen von Migration und Rechtsstaatlichkeit. Im September 2016 loeste er einen europaweiten Sturm aus, als er erklaerte, Ungarn behandle Fluechtlinge "schlimmer als wilde Tiere", und forderte, ein Mitgliedstaat, der Zaeune baue und die Pressefreiheit untergrabe, muesse voruebergehend oder notfalls dauerhaft aus der Union ausgeschlossen werden. Immer wieder stellte er die Verteidigung von Asylsuchenden in den Mittelpunkt und begriff Menschenrechte als eigentlichen Zweck demokratischer Gesellschaften.
"Wer wie Ungarn Zaeune gegen Kriegsfluechtlinge baut oder wer die Pressefreiheit und die Unabhaengigkeit der Justiz verletzt, sollte voruebergehend oder, wenn noetig, fuer immer aus der EU ausgeschlossen werden."
Sein viraler Moment kam im September 2018 bei einem Treffen der EU-Innenminister in Wien, als ihn der Italiener Matteo Salvini in der Migrationsdebatte provozierte. Asselborn warf die Kopfhoerer hin und entfuhr ihm ein lautes "Merde alors!" - ein Clip, den Salvinis Lager filmte und ins Netz stellte und den Asselborn spaeter als bewusst kalkulierte Reaktion auf eine Rhetorik bezeichnete, die ihn an die 1930er Jahre erinnere. Der Ausruf gab 2019 einer politischen Biografie der oesterreichischen Journalistin Margaretha Kopeinig den Titel.
Auszeichnungen und Anerkennung
Seine lange Amtszeit und sein Einsatz fuer enge Beziehungen zu Luxemburgs Nachbarn brachten ihm hohe europaeische Auszeichnungen ein.
- Grosskreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland (Dezember 2010)
- Komtur des franzoesischen nationalen Ordens der Ehrenlegion (Oktober 2013)
- Wiederholt beliebtester und kompetentester Politiker Luxemburgs im TNS-Ilres-Politmonitor, mit Zustimmungswerten um die 80 Prozent
Das Leben nach dem Ministeramt
Asselborn verliess das Aussenministerium im November 2023, nachdem die LSAP nach der Wahl in die Opposition gegangen war; das Amt uebernahm Xavier Bettel. Im Ruhestand blieb er eine gefragte Stimme zur Zukunft Europas, hielt Vortraege in der Grossregion und in Deutschland und wurde Gegenstand eines Buches ueber eine 1.000 Kilometer lange Radtour durch Frankreich. Nach fast zwei Jahrzehnten als Gesicht Luxemburgs in der Welt blieb er, was er im Amt war: ein leidenschaftlicher, unbequemer Europaeer.
Häufig gefragt
- Wie lange war Jean Asselborn Aussenminister Luxemburgs?
- Vom 31. Juli 2004 bis zum 17. November 2023, also gut 19 Jahre - er war damit der dienstaelteste Aussenminister der Europaeischen Union.
- Wofuer ist Jean Asselborn bekannt?
- Fuer seine klare Verteidigung von Fluechtlingen, Pressefreiheit und Rechtsstaatlichkeit in der EU, darunter seine Forderung von 2016, Ungarn auszuschliessen, und sein virales 'Merde alors!' gegen Matteo Salvini 2018.
- Was machte Jean Asselborn vor der Politik?
- Er verliess mit 18 die Schule, arbeitete bei Uniroyal, wurde Gewerkschaftsvertreter und Gemeindebeamter, holte das Abitur nach, studierte Jura und leitete das interkommunale Krankenhaus von Steinfort.
- Wer wurde Asselborns Nachfolger als Aussenminister?
- Xavier Bettel uebernahm das Amt, nachdem die LSAP nach der Wahl 2023 in die Opposition gegangen war.
Quellen
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