Autoindustrie

Volkswagen plant den radikalsten Umbau seiner Geschichte

Bis zu 100.000 Stellen und das Aus der Fertigung an vier Werken: Ein Bericht bringt ein Versprechen ins Wanken, das der Konzern seinen Beschäftigten vor anderthalb Jahren gab.


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Eine leere Montagehalle eines Autowerks in der Abenddämmerung, mit stillstehendem Fließband und Reihen reglos hängender Roboterarme über einer einzelnen unfertigen Karosserie.
Illustration eines stillstehenden Autowerks. Volkswagen erwägt laut einem Bericht bis zu 100.000 Stellenstreichungen und das Aus der Fertigung an vier Standorten.Illustration: KI-generiert — Étude

Volkswagen steht offenbar vor dem tiefsten Einschnitt seiner Geschichte. Nach einem Bericht des „manager magazin" plant der Konzern, weltweit bis zu 100.000 Stellen zu streichen und die Fahrzeugfertigung an vier deutschen Standorten zu beenden. Das Unternehmen wollte den Bericht nicht bestätigen — allein die Größenordnung aber hat einen Konflikt neu entfacht, den die deutsche Industrie überwunden glaubte.

Die Zahl entspricht etwa jedem sechsten der rund 657.000 Beschäftigten des Konzerns. Sie verdoppelt jene Reduzierung, von der das Management vor wenigen Monaten noch sprach: Damals war von rund 50.000 Stellen bis 2030 die Rede. Vorstandschef Oliver Blume und Finanzchef Arno Antlitz wollen dem Bericht zufolge zugleich die geplanten Investitionen um etwa 15 Prozent kürzen — auf gut 130 Milliarden Euro in den kommenden fünf Jahren — und den Konzern stärker aufteilen, indem die Kernmarke VW und das Komponentengeschäft verselbständigt werden.

Ein Versprechen von gestern

Ein solcher Plan stünde im offenen Widerspruch zu einer Vereinbarung vom Dezember 2024. Nach der Drohung erstmaliger Werksschließungen in Deutschland hatten sich Volkswagen und die IG Metall darauf verständigt, rund 35.000 Stellen sozialverträglich abzubauen und auf Milliarden bei den Löhnen zu verzichten. Im Gegenzug schloss das Management betriebsbedingte Kündigungen und Werksschließungen bis 2030 aus.

Genau dieser Schutz steht nun zur Disposition. Betroffen wären die Werke in Hannover, Zwickau und Emden sowie das Audi-Werk in Neckarsulm — nicht zwingend durch eine sofortige Schließung, wohl aber durch das Auslaufen der Fertigung.

Die Arbeitnehmervertretung reagierte mit offenem Widerstand. Betriebsratschefin Daniela Cavallo und IG-Metall-Chefin Christiane Benner warnten in einer gemeinsamen Erklärung.

„Sollten diese Pläne Wirklichkeit werden, würden wir sie mit aller Macht stoppen."

Der Druck in den Bilanzen

Hinter dem Vorhaben steht eine angespannte Ertragslage. Im ersten Quartal 2026 sank der Konzerngewinn um 28 Prozent auf 1,56 Milliarden Euro, der Umsatz gab um 2 Prozent auf 75,7 Milliarden Euro nach. Besonders schwer wiegt der Rückzug aus der einstigen Stärke: In China, dem wichtigsten Einzelmarkt, brachen die Verkäufe um rund 20 Prozent ein, während heimische Hersteller von Elektroautos Boden gutmachten.

Hinzu kommt der Druck aus den Vereinigten Staaten. Die amerikanischen Zölle kosten den Konzern nach eigenen Angaben etwa vier Milliarden Euro im Jahr. Finanzchef Antlitz hatte die Belegschaft bereits gewarnt.

„Die bislang geplanten Einsparungen reichen nicht aus. Wenn uns das nicht gelingt, setzen wir unsere Zukunft aufs Spiel."

Eine Prüfung für das deutsche Modell

Kaum ein Unternehmen trägt so viel symbolisches Gewicht wie Volkswagen. Das Land Niedersachsen hält eine Sperrminorität, die Werke prägen ganze Städte, und die Mitbestimmung galt lange als Beweis, dass sich Deutschland modernisieren lasse, ohne in Massenentlassungen zu enden. Ein Abbau dieser Dimension stellt diese Annahme grundlegend infrage — mitten in einer europäischen Debatte darüber, ob die Autohersteller des Kontinents den Umstieg auf die Elektromobilität und die chinesische Konkurrenz zugleich verkraften.

Der Schock bliebe nicht auf Wolfsburg beschränkt. An den Bändern des Konzerns hängen Zehntausende Arbeitsplätze bei Zulieferern, und ein Rückzug dieser Größe nährte die europäische Sorge vor Deindustrialisierung — das Gefühl, die Hersteller des Kontinents würden zwischen günstigeren chinesischen Wettbewerbern und einem unwirtlicheren amerikanischen Markt zerrieben, just während sie den teuren Umstieg auf das Elektroauto finanzieren sollen.

  • Bis zu 100.000 Stellen bei weltweit rund 657.000 Beschäftigten.
  • Vier deutsche Werke vor dem Fertigungsende: Hannover, Zwickau, Emden und das Audi-Werk Neckarsulm.
  • Investitionen sollen um rund 15 Prozent sinken — auf gut 130 Milliarden Euro in fünf Jahren.

Vorerst betont Volkswagen, es sei nichts entschieden. Man werde dem Verfahren „nicht vorgreifen", erklärte der Konzern; die maßgeblichen Sachverhalte würden „in den zuständigen Gremien beraten und beschlossen". Die Auseinandersetzung jedoch, die der Konzern vertagen möchte, hat längst begonnen — in den Hallen von Niedersachsen bis Sachsen und in einer Politik, die viel auf die Zusage gesetzt hat, das industrielle Herz des Landes lasse sich umbauen, ohne es auszuhöhlen.

Ist der Stellenabbau bestätigt?
Nein. Die Zahl stammt aus einem Bericht des „manager magazin". Volkswagen wollte ihn nicht bestätigen und verwies auf die zuständigen Gremien.
Warum baut Volkswagen Stellen ab?
Die Gewinne sinken, US-Zölle kosten rund vier Milliarden Euro jährlich, und in China brachen die Verkäufe um etwa 20 Prozent ein.
Welche Werke sind betroffen?
Genannt werden die VW-Werke Hannover, Zwickau und Emden sowie das Audi-Werk Neckarsulm.

Mehr dazu: Ig Metall, Automotive, Oliver Blume, Deindustrialisation, Job Cuts, Volkswagen, German Industry

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