Hochschule

Uni-Rektor Jens Kreisel verzichtet auf zweite Amtszeit — Universität Luxemburg in der Krise

Der Physiker verlässt Ende 2027 nach nur einem Mandat sein Amt — während Mobbingvorwürfe, ein Ministerialerlass und drei Audits die einzige öffentliche Hochschule des Landes erschüttern.


Lesezeit · 3 Min.

Ein moderner Universitätsturm in der Abenddämmerung neben zwei erhaltenen rostroten Hochöfen, im Vordergrund ein leerer Platz.
Der Hauptcampus der Universität Luxemburg in Belval, auf dem Gelände eines ehemaligen Hüttenwerks in Esch-sur-Alzette. (Illustration.)Illustration: KI-generiert — Étude

Der Rektor der Universität Luxemburg, Jens Kreisel, wird sich nicht um eine zweite Amtszeit bewerben. Die Entscheidung, die der Physiker in dieser Woche bekannt gab, beendet nach einem einzigen Mandat eine Amtszeit, deren letztes Jahr von Vorwürfen des Mobbings, dem Eingreifen des Ministeriums und gleich mehreren Audits an der einzigen öffentlichen Hochschule des Landes überschattet wurde.

Kreisel, ein Spezialist für Materialphysik, der vor seinem Amtsantritt bereits ein Jahrzehnt in der Leitung der Universität tätig war, bleibt bis zum Ablauf seines Mandats am 31. Dezember 2027 im Amt. Die Statuten der Hochschule verpflichten den Rektor, dem Verwaltungsrat spätestens 18 Monate vor Ende der Amtszeit mitzuteilen, ob er erneut kandidieren will. Mit seiner Erklärung ist der Weg frei für ein Auswahlverfahren; der Nachfolger oder die Nachfolgerin soll das Amt am 1. Januar 2028 antreten. Kreisel will anschließend in Forschung und Lehre zurückkehren.

„Nach reiflicher Überlegung … Gemeinsam haben wir vieles erreicht", sagte Kreisel zu seinem Verzicht.

Eine Amtszeit im Schatten der Vorwürfe

Die Ankündigung fällt mitten in die schwerste interne Krise der noch jungen Universität. Seit dem Herbst 2025 schildern Beschäftigte, Doktoranden und Lehrende ein Arbeitsklima, das sie als toxisch bezeichnen; die Rede ist von psychischem Druck, angefochtenen Entlassungen und blockierten Beförderungen — nach diesen Aussagen vor allem in der Fakultät für Recht, Wirtschaft und Finanzen.

Kreisel geriet vor allem wegen seines Umgangs mit der Affäre in die Kritik. Er wertete die Beschwerden zunächst als „Einzelfälle" und zeigte aus Sicht vieler Mitarbeiter zu wenig Empathie gegenüber den mutmaßlich Betroffenen. Auf einer Pressekonferenz führte er Zahlen an, um die Vorwürfe einzuordnen: 190 Beförderungsanträge seit 2018, davon 60 bewilligt; rund 50 Entlassungen zwischen 2020 und 2025, von denen vier später gerichtlich umqualifiziert wurden; sowie 27 förmliche Beschwerden in sechs Jahren.

Der Konflikt hinterließ persönliche Spuren. Kreisel war rund einen Monat krankgeschrieben, ehe er Anfang Mai 2026 an seinen Schreibtisch zurückkehrte; während seiner Abwesenheit übernahm ein interimistischer Rektor die Geschäfte. Kurz nach seiner Rückkehr wurde das Mandat eines Vizedekans vorzeitig beendet.

Das Ministerium greift ein

Die Regierung hielt sich nicht zurück. Forschungs- und Hochschulministerin Stéphanie Obertin verschärfte die Aufsicht über die Einrichtung: Ein Erlass vom 20. April 2026 ordnete die Kontrollgremien der Universität neu, sodass das Rektorat systematisch von Entscheidungen über die Zusammensetzung jener Organe ausgeschlossen ist, die es kontrollieren sollen.

Zugleich laufen drei Untersuchungen:

  • ein internes Audit, angestoßen im November 2025;
  • ein externes Personal-Audit, das die Universität im Januar 2026 in Auftrag gab;
  • ein zweites externes Audit, das das Ministerium im Februar 2026 veranlasste und das sämtliche Führungsebenen sowie mögliche Interessenkonflikte umfasst.

Ihre bislang ausstehenden Ergebnisse dürften nicht nur die letzten Monate von Kreisels Amtszeit prägen, sondern auch die Bedingungen, unter denen sein Nachfolger antritt.

Eine junge Hochschule am Wendepunkt

Die erst 2003 gegründete Universität Luxemburg ist die einzige öffentliche Hochschule des Landes und ein Kernstück seines Anspruchs, neben dem Finanzplatz eine Wissensökonomie aufzubauen. Ein öffentlich ausgetragener Führungswechsel vor dem Hintergrund eines Mobbing-Skandals ist für die Einrichtung, die ihr eigenes Regelwerk noch schreibt, ein Novum.

Der Einsatz reicht über den Campus in Belval hinaus. Die Universität wirbt international um Forscher und Studierende; ihr Ruf als Arbeitgeber ist Teil ihrer Anziehungskraft. Wie sie auf die Vorwürfe antwortet — und wen sie an ihre Spitze wählt —, wird mitentscheiden, ob die Episode als schmerzhafte Korrektur oder als dauerhafter Rückschlag in Erinnerung bleibt.

Bis dahin muss der Verwaltungsrat eine Kandidatin oder einen Kandidaten finden, die oder der im Januar 2028 das Ruder übernimmt und die Universität aus der Krise steuert — während Kreisel die verbleibenden 18 Monate zu Ende führt und sich darauf vorbereitet, das Rektorat gegen Labor und Hörsaal einzutauschen.

Wann verlässt Jens Kreisel das Rektorat?
Sein Mandat läuft bis zum 31. Dezember 2027; sein Nachfolger soll am 1. Januar 2028 antreten. Kreisel kehrt danach in Forschung und Lehre zurück.
Warum steckt die Universität Luxemburg in der Krise?
Seit Herbst 2025 beklagen Beschäftigte, Doktoranden und Lehrende ein toxisches Arbeitsklima und Mobbing, vor allem in der Fakultät für Recht, Wirtschaft und Finanzen.
Was hat die Regierung unternommen?
Ministerin Stéphanie Obertin ordnete die Kontrollgremien per Erlass neu und das Ministerium gab ein externes Audit in Auftrag; zwei weitere Audits laufen ebenfalls.

Mehr dazu: Belval, Harassment, Higher Education, Jens Kreisel, Stephanie Obertin, University Of Luxembourg

Weitere Berichte von Étude mit denselben Themen-Tags wie dieser Artikel.


navigierenöffnenescschließen