Kulturhauptstadt

Esch2022, vier Jahre danach: Was vom Kulturjahr im Minett blieb

512.000 Besucher, 54,8 Millionen Euro Budget, ein grenzüberschreitendes Versprechen: Die Bilanz der Kulturhauptstadt Esch2022 fällt vier Jahre später nüchtern aus – beeindruckende Zahlen, doch beim deutsch-luxemburgisch-französischen Zusammenhalt bleibt das Urteil geteilt.


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Ein ehemaliger Stahlwerk-Hochofen, in der Abenddämmerung warm beleuchtet, umgenutzt als Kulturstätte im Luxemburger Minett.
Ein ehemaliger Stahlwerk-Hochofen, in der Abenddämmerung warm beleuchtet, umgenutzt als Kulturstätte im Luxemburger Minett. — KI-generierte Illustration.KI-generierte Illustration · Étude

Vier Jahre nachdem Esch-sur-Alzette und seine Nachbargemeinden den Titel der Kulturhauptstadt Europas trugen, lässt sich das Erbe von Esch2022 nüchtern vermessen. In der postindustriellen Minett-Region, die sich beiderseits der luxemburgisch-französischen Grenze erstreckt, hat das Projekt Spuren hinterlassen – sichtbare in den Besucherzahlen, schwerer fassbare im grenzüberschreitenden Zusammenhalt, dem eigentlichen Anspruch des Vorhabens.

Über die gesamte Laufzeit – Vorlaufphase, Titeljahr und die Abschlussphase zu Beginn des Jahres 2023 – zählte Esch2022 nach Angaben der Veranstalter 512.000 Besucher. 60 Prozent kamen aus Luxemburg, 27 Prozent aus Frankreich. Geboten wurden 1.351 Veranstaltungen mit insgesamt 3.145 zugehörigen kulturellen Aktivitäten. Mehr als 1.789 Künstlerinnen und Künstler wirkten mit, darunter über 600 aus Luxemburg und über 400 aus Frankreich. Die Bilanz präsentierten die Organisatoren am 23. Mai 2023 auf einer Pressekonferenz in Esch-sur-Alzette.

Ein Kulturjahr für eine zerbrochene Industrielandschaft

Esch2022 war unter den europäischen Kulturhauptstädten ein Sonderfall. Nicht eine einzelne glanzvolle Metropole stand im Mittelpunkt, sondern eine deindustrialisierte Bergbauregion, geprägt vom Niedergang von Eisen und Stahl. Das Programm umspannte elf luxemburgische Gemeinden des Gemeindeverbands Pro-Sud und acht französische Kommunen der CCPHVA in Lothringen. Der Name Minett verweist auf das eisenhaltige Gestein, das die Region einst reich machte und dessen Förderung sie später in die Krise stürzte.

Das Gesamtbudget belief sich auf 54,8 Millionen Euro. Davon flossen 33 Millionen Euro unmittelbar in das Kulturprogramm – nach Abzug von Marketing, Kommunikation, Personal und allgemeinen Ausgaben. Auch touristisch hinterließ das Jahr Wirkung: Luxemburg verzeichnete 2022 im Vergleich zu 2019 ein Plus von 23 Prozent bei den Touristenankünften und von 38 Prozent bei den Übernachtungen.

Geteiltes Echo beim grenzüberschreitenden Zusammenhalt

Hinter den Schlagzeilenzahlen verbarg sich die eigentliche, schwierigere Frage: Kann ein einjähriges Kulturfest dauerhafte grenzüberschreitende Bindungen stiften? Eine unabhängige Erhebung des Instituts ILRES, gestützt auf 1.760 Interviews, liefert eine offene, nur teilweise positive Antwort.

Demnach waren 44 Prozent der Bewohner des Minett überzeugt, Esch2022 habe die Verbindung zwischen den luxemburgischen Gemeinden gestärkt; 36 Prozent sahen die Bindung zwischen den französischen und luxemburgischen Gemeinden gestärkt. Unter jenen, die tatsächlich eine Veranstaltung besucht hatten, fielen die Werte deutlich höher aus – 58 Prozent beziehungsweise 42 Prozent. Die grenzüberschreitende Klammer, das eigentliche Wagnis des Projekts, überzeugte damit nur eine Minderheit der Befragten vollständig.

Das Titeljahr endete formell am 22. Dezember 2022. Am 24. Januar 2023 übergab eine symbolische Fackelübergabe im französischen Villerupt das Erbe an die 19 Gemeinden von Pro-Sud und CCPHVA. Beide interkommunalen Körperschaften verpflichteten sich, die Arbeit fortzuführen.

Unsere Aufgabe, das erste Kapitel des Projekts Esch2022 zu schreiben, ist abgeschlossen.

Mit diesen Worten beschrieb Nancy Braun, Generaldirektorin von Esch2022, den Übergang. Georges Mischo, Präsident des Gemeindeverbands Pro-Sud und Bürgermeister von Esch-sur-Alzette, formulierte den Anspruch für die Zukunft so: „Wir müssen nun diese Energie, diesen Geist fortführen und die Region nachhaltig stärken." Für Patrick Risser, Präsidenten der CCPHVA, blieb das Projekt von besonderer Bedeutung: „Esch2022 ist für mich im Moment das wichtigste Projekt, das wirklich grenzüberschreitend ist."

ATRACT-AB: das konkrete Nachleben

Die greifbarste Fortsetzung trägt den Namen ATRACT-AB. Das 2024 als unmittelbares Erbe von Esch2022 gestartete Projekt verfügt über ein Budget von 1.145.588 Euro, finanziert aus dem Interreg-Programm über den Europäischen Verbund für territoriale Zusammenarbeit (EVTZ) Alzette Belval. Geleitet wird es von der CCPHVA, dem Gemeindeverband Pro-Sud und der Stadt Esch-sur-Alzette.

Ziel ist ein umweltverantwortliches grenzüberschreitendes Kulturprogramm – die Begrünung des regionalen Kultursektors mithin. Patrick Risser sieht darin abermals ein Versprechen: „Einmal mehr haben wir ein sehr vielversprechendes Projekt für die grenzüberschreitende Zusammenarbeit und für die Annäherung unserer Gebiete."

  • 512.000 Besucher über die gesamte Laufzeit, 60 Prozent aus Luxemburg, 27 Prozent aus Frankreich
  • 1.351 Veranstaltungen und 3.145 kulturelle Aktivitäten in 19 Gemeinden
  • 54,8 Millionen Euro Gesamtbudget, davon 33 Millionen für das Kulturprogramm
  • 44 bzw. 36 Prozent sahen die innerluxemburgische bzw. die deutsch-grenzüberschreitende Bindung gestärkt

So bleibt vier Jahre danach ein doppeltes Bild. Die feierlichen Zahlen belegen ein Kulturjahr, das Hunderttausende erreichte und dem Tourismus messbaren Auftrieb gab. Die härtere Frage nach dauerhaftem Zusammenhalt zwischen den Gebieten beantwortet sich vorsichtiger – mit klaren Fortsetzungsprojekten, aber nur einer Minderheit, die die grenzüberschreitende Verbindung selbst als gestärkt empfindet. Genau in dieser Spannung liegt die ehrliche Bilanz von Esch2022.

Was war Esch2022?
Esch2022 war die Kulturhauptstadt Europas 2022, getragen von Esch-sur-Alzette und umliegenden Gemeinden in der grenzüberschreitenden Minett-Region zwischen Luxemburg und Frankreich. Das Programm umfasste elf luxemburgische Gemeinden des Verbands Pro-Sud und acht französische Kommunen der CCPHVA in Lothringen.
Wie viele Besucher und welches Budget hatte Esch2022?
Über die gesamte Laufzeit zog Esch2022 512.000 Besucher zu 1.351 Veranstaltungen mit 3.145 kulturellen Aktivitäten an. Das Gesamtbudget betrug 54,8 Millionen Euro, von denen 33 Millionen Euro direkt in das Kulturprogramm flossen.
Hat Esch2022 den grenzüberschreitenden Zusammenhalt gestärkt?
Das Urteil fällt geteilt aus. Eine ILRES-Umfrage unter 1.760 Bewohnern ergab, dass 44 Prozent die Bindung zwischen den luxemburgischen Gemeinden und 36 Prozent die Bindung zwischen den französischen und luxemburgischen Gemeinden gestärkt sahen. Unter Veranstaltungsbesuchern lagen die Werte bei 58 bzw. 42 Prozent.
Wie wird das Erbe von Esch2022 fortgeführt?
Nach der Fackelübergabe in Villerupt am 24. Januar 2023 übernahmen Pro-Sud und CCPHVA das Erbe. Die konkreteste Fortsetzung ist das 2024 gestartete Interreg-Projekt ATRACT-AB mit einem Budget von 1.145.588 Euro, das ein umweltverantwortliches grenzüberschreitendes Kulturprogramm schaffen soll.

Mehr dazu: Cultural Policy, Cross Border Cooperation, France, European Capital Of Culture, Esch2022, Post Industrial Regeneration, Luxembourg, Minett

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